Weiterbauen statt Ersetzen: Ein sensibler Dialog zwischen Bestand und Holzbau
Februar 2026
Zusammen mit der Architektin Susanne Büchi (Kollektiv Zebra) setzt Rematter auf ressourcenschonende Transformation statt Abriss und Neubau.
Wie lässt sich ein historisches Wohnhaus behutsam weiterdenken, ohne dass es seine Seele verliert?
Diese Frage markierte den Beginn eines besonderen Projekts: Ein klassisches Baumeisterhaus aus dem Jahr 1925 sollte durch einen zweigeschossigen Holzbau ergänzt werden. Die Architektin und Bauherrin Susanne Büchi (Kollektiv Zebra) entschied sich dabei bewusst gegen einen radikalen Bruch und für ein respektvolles Weiterbauen. Ihr Ziel war es, die gewachsene Raumstruktur und die originalen Materialien nicht nur zu bewahren, sondern sie in eine zeitgemässe Form zu überführen.
„Der Übergang zwischen Bestand und Anbau war ein zentraler Teil des Entwurfs. Mich hat interessiert, wie unterschiedliche Raumqualitäten auf kleinem Raum entstehen können und wie man sie dank Durchblicken miteinander verbindet.“
Während die bestehende Struktur und die charakteristischen Riemenböden weitgehend erhalten blieben, ziehen sich eine neue Küche, Bäder und technische Erneuerungen wie feine Linien durch den Bestand. Der Anbau in Holzbauweise setzt dazu einen bewussten Akzent: Dem kleinteiligen Altbau wird ein grosszügiger, lichter Raum gegenübergestellt.
© Susanne Büchi
© Susanne Büchi
Ein Raumgefühl, das aus der Haltung wächst
Hinter dieser räumlichen Komposition stehen tiefe ökologische Überlegungen. Es ging um den nachhaltigen Umgang mit der Bausubstanz, die Verwendung natürlicher Materialien und - daraus resultierend - die Schaffung eines gesunden Raumklimas.
„Für mich gehören Gestaltung und Nachhaltigkeit untrennbar zusammen. Der sorgfältige Umgang mit dem Vorhandenen und die Arbeit mit natürlichen Materialien waren von Anfang an fester Bestandteil des Konzepts.“
Die Rematter-Decke: Wo Konstruktion zur Atmosphäre wird
Dieser Anspruch an Materialehrlichkeit findet im Hochparterre des Anbaus seinen architektonischen Höhepunkt. Der schlichte, rechteckige Raum gewinnt seine besondere Qualität massgeblich durch die Deckenkonstruktion. Hier fungiert die Rematter-Decke nicht nur als statisches Element, sondern als raumbildendes Werkzeug, das den Raum strukturiert und ausrichtet, ohne ihn einzuengen.
Durch die Ausführung als Balkendecke mit Lehmausfachung, anstatt einer herkömmlichen Massivholzdecke, konnte die lichte Raumhöhe maximiert werden. So entsteht eine Grosszügigkeit, die im spannungsvollen Kontrast zu den niedrigeren Räumen des Bestands steht.
„Der Anbau wirkt deutlich höher und offener als die bestehenden Räume. Gerade dieser Kontrast macht den Übergang zwischen Alt und Neu körperlich erfahrbar.“
Die Symbiose aus Holztragwerk und Lehm bringt dabei eine strukturelle Klarheit mit sich, die sich unmittelbar auf das Wohlbefinden auswirkt. Lehm reguliert nicht nur die Feuchtigkeit, sondern strahlt eine visuelle Ruhe aus.
„Lehm bringt eine Beständigkeit in die Konstruktion. Das Raumklima ist spürbar angenehm -selbst für Besucher:innen, die das Material gar nicht direkt benennen können.“
Von der Vision zur präzisen Umsetzung
Damit diese atmosphärische Wirkung gelingt, war eine enge Zusammenarbeit in der Planung entscheidend. Die Grundstruktur der Decke wurde früh architektonisch definiert und anschliessend gemeinsam mit Rematter dimensioniert. Diese frühe Einbindung schuf eine hohe Sicherheit - sowohl in der statischen Ausführung als auch in der gestalterischen Finesse.
Die Wahl der Holzqualität und die Nuancen der Lehmmischungen machten die Decke zu einem integralen Bestandteil des Farb - und Materialkonzepts. So wurde das System zu weit mehr als einem Bauteil: Es wurde zum Gesicht des Raumes.
„Die Decke ist kein neutrales Element, sondern Teil der architektonischen Sprache. Je nach Materialwahl kann sie die Stimmung des Raumes massgeblich steuern.“
Die Ausführung vor Ort übernahm eine lokale Zimmerei im klassischen Holzbauprozess -unterstützt durch die industrielle Präzision des vorgefertigten Deckenelements von Rematter.
Material als Impulsgeber
Dass sichtbare Materialien auch eine soziale Komponente haben, zeigt sich bei jedem Besuch im Projekt Grenzstrasse. Die Rematter-Decke zieht die Blicke auf sich und wird regelmässig zum Gesprächsthema, da die Anwendung von Lehm in dieser Form für viele neu ist.
„Viele sehen diese Art der Deckenkonstruktion zum ersten Mal und fragen neugierig nach den Vorteilen von Lehm.“
Dieses Interesse zeigt: Unkonventionelle Lösungen fördern den Dialog über die Art und Weise, wie wir heute bauen wollen.
Fazit: Qualität durch Zusammenspiel
Am Ende ist es das Zusammenspiel der Gegensätze, das die Qualität dieses Projekts ausmacht. Der hohe, moderne Raum mit seiner sichtbaren Holzkonstruktion und der Rematter-Decke harmoniert mit den niedrigeren Räumen und dem grünen Täfer des Altbaus.
„Gerade diese Kontraste erzeugen eine Atmosphäre, die einladend, ruhig und gleichzeitig voller Spannung ist. Ich halte mich hier sehr gerne auf - und das ist für mich der schönste Beweis für gelungene Architektur.“